Einleitung (Beta-Version)
Die Befreiung der Musketiere – Warum wir das Fechten endlich wieder zum Spiel machen müssen
Erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem Ihr Kind – oder Sie selbst – zum ersten Mal eine Fechthalle betreten hat? Da war dieses Leuchten in den Augen. Da war der Traum von d’Artagnan, von Zorro, von heldenhaften Duellen, von Eleganz und blitzschnellen Entscheidungen. Man kam, um ein Abenteurer zu werden. Man kam, um mit Stahl auf Stahl zu treffen, um zu täuschen, zu springen und den einen, perfekten Treffer zu setzen.
Und dann? Dann kam die Realität der deutschen Fechthalle.
Die Dressur der Statuen
Besuchen wir einen typischen Verein am Dienstagnachmittag. Da stehen sie, die Sieben- bis Neunjährigen. In Reih und Glied. Kleine Menschen mit riesigen Träumen, die nun seit zwanzig Minuten nichts anderes tun, als auf Kommando einen Fuß vor den anderen zu setzen. „Stellung! – Schritt vor! – Halt! – Ausfall! – Und zurück in den Stand!“
Die Stimme des Trainers hallt autoritär durch den Raum. Die Kinder führen die Bewegungen synchron aus – oder zumindest das, was sie dafür halten. Einer starrt versonnen auf seine Schuhspitzen, ein anderer beobachtet eine Fliege an der Wand, ein dritter versucht heimlich, seinen Hintermann mit dem Griff zu piesacken. Die Konzentration ist spürbar… nicht vorhanden.
Es ist ein herzzerreißender Anblick. Die Kinder wirken wie kleine, weiße Statuen, die man in ein Korsett aus biomechanischen Vorschriften gezwängt hat. Ihre Augen, die eben noch vor Abenteuerlust funkelten, sind stumpf geworden. „Tiefer sitzen, Lukas! Die Füße weiter auseinander! Zuerst den Arm strecken!“
Wir nennen das Lineare Pädagogik. In Wahrheit ist es eine Art Dressur. Wir behandeln diese hochbegabten, lernwilligen Lebewesen wie fehlerhafte Computer, die wir mit dem richtigen „Programm“ füttern müssen. Wir glauben fest daran, dass wir die perfekte Technik nur oft genug als Befehl in ihre Gehirne hämmern müssen, bis sie – wie durch ein Wunder – zu perfekten Fecht-Automaten werden.
Das Jägerball-Paradoxon
Nach weiteren zehn Minuten dieser biomechanischen Folter erbarmt sich der Trainer. „Okay, zur Auflockerung: Jägerball!“
Plötzlich passiert etwas Magisches. Die lethargischen Statuen explodieren förmlich. Kinder, die eben noch nicht einmal ihre eigenen Füße koordinieren konnten, ohne umzufallen, ducken sich in Millisekunden weg, antizipieren die Flugbahn eines Balls, täuschen Würfe an und kommunizieren über Blicke und Gesten mit ihren Mitspielern. In Rekordzeit lernen sie die komplexen sozialen und motorischen Dynamiken dieses Spiels.
Warum? Weil Jägerball ein ökologisches System ist. Es gibt ein Ziel, es gibt Gegner, es gibt Konsequenzen. Es gibt Affordances – Handlungsmöglichkeiten, die das Spiel selbst vorgibt. Aber sobald der Ball weggepackt wird, kehren wir zurück zum „echten“ Training. Die Kinder sind eigentlich gekommen, um zu kämpfen. Stattdessen schicken wir sie an die Wand.
Das Stoßkissen oder: Warum wir keinen Tesla Optimus nutzen
Dort hängen sie: Stoßkissen. Leblose, quadratische Lederklumpen. Die Kinder sollen darauf stoßen. „Schön Arm vor Bein“, sagt der Trainer. Warum das gut ist? „Weil man das so macht.“ Das Kissen bewegt sich nicht. Es weicht nicht aus, es schlägt nicht zurück, es verändert nicht die Distanz.
Nicht einmal den Treffwinkel oder die Körperposition darf die Schülerin variieren. Alles muss immer gleich sein, immer „perfekt“. Wenn wir wirklich eine absolut identische, fehlerfreie Wiederholung ohne jede Abweichung wollten – warum trainieren wir dann Menschen? Warum nehmen wir nicht einen Tesla Optimus Roboter, programmieren ihn auf den perfekten Ausfall und lassen ihn 10.000 Mal gegen die Wand hämmern?
Ein Kind, das auf ein Kissen stößt, lernt nicht fechten. Es lernt, ein Kissen zu treffen. In der Welt der ökologischen Dynamik nennen wir das eine „dekontextualisierte Aufgabe“. Es fehlt die Perzeptions-Aktions-Kopplung. Ein Stoß ohne einen Gegner, der darauf reagiert, ist wie Schwimmenlernen in einer Badewanne ohne Wasser. Es bereitet dich null auf den Ozean vor.
Die Lüge der Zeitlupe
Gehen wir zu den Fortgeschrittenen. Hier wird es fast noch tragischer. Wir sehen zwei Fechter, die seit drei Jahren trainieren. Ehrlich gesagt: Es ist ein Armutszeugnis für uns Trainer. Wenn ein Sportler nach drei Jahren Training immer noch explizite Anweisungen braucht, wie er einen Schritt zu machen hat, dann war unser Training ineffektiv - um es höflich zu formulieren.
Sie machen eine Partnerübung: Schritt vor, Arm strecken für die Finte, Kreissixt-Bindung, Stoß mit Ausfall.
„Schön langsam! In Zeitlupe!“, mahnt der Trainer. „Damit die Bewegung richtig sitzt!“
Diese Übung ist an Eintönigkeit kaum zu überbieten. Die Fechter spulen ein Skript ab wie Schauspieler in einer schlechten Vorabendserie. Aber was ist „richtig“? In der Welt der Nichtlinearen Pädagogik gibt es kein universelles „Richtig“. Es gibt nur „funktional“ oder „nicht funktional“ in Bezug auf eine spezifische Situation.
Indem wir die Übung in Zeitlupe und isolierte Einzelteile zerlegen, zerstören wir die interpersonelle Synergie. Die zeitliche Kopplung zwischen der Klinge des Gegners und der eigenen Reaktion wird völlig entstellt. Wenn der Schüler die Bewegung dann später im Gefecht bei voller Geschwindigkeit anwenden will, bricht das System zusammen. Eine Finte ohne einen Gegner, der auf diese Finte reagiert, ist keine Finte. Es ist nur ein sinnloses Wedeln mit Metall.
Das andere Extrem: Lektion vs. Anarchie
Am Ende des Abends folgt das übliche Ritual. Die Trainerin gibt Einzellektionen – natürlich streng nach dem Technikleitbild. Zehn Minuten pro Fechter, in denen jede Abweichung sofort korrigiert wird. Der Rest der Gruppe darf „frei fechten“.
Das klingt erst einmal gut – Freiheit! Spaß! Aber schauen wir genauer hin. Das „freie Fechten“ ist oft ein unstrukturiertes Chaos. Die Fechter fallen in ihre immergleichen Muster zurück. Wer gerne defensiv ist, wartet hinten. Wer gerne blind stürmt, rennt vor.
Es findet kaum echtes Lernen statt, nur eine Verfestigung von Gewohnheiten. Es fehlen die Angebote für Neues. Wo sind die Aufgabenstellungen, die einen Fechter dazu bringen, die Neutrale Zone zu dominieren? Wo sind die Spielformen, die ihn zwingen, das Asymmetrische Engagement zu suchen, statt immer wieder in die Kraft-gegen-Kraft-Falle zu tappen? Wir lassen unsere Athleten allein zwischen zwei Extremen: der sterilen, überkontrollierten Lektion einerseits und dem ziellosen „Daddeln“ andererseits.
Ein Wort an die „alten Hasen“
Wir wissen, was Sie jetzt denken. „Aber meine Methode hat doch funktioniert! Ich habe Champions hervorgebracht!“ Und Sie haben recht. Ihre Methode hat funktioniert. Aber vielleicht nicht aus den Gründen, die Sie vermuten. Ihre Champions wurden nicht Champions, weil sie Ihre Anweisungen perfekt kopiert haben. Sie wurden Champions, weil sie Menschen sind – und Menschen sind von Natur aus „verrauschte“ Systeme.
In der Wissenschaft nennen wir das Repetition without Repetition (Wiederholung ohne Wiederholung). Selbst wenn Sie einen Fechter zwingen, 10.000 Mal denselben Stoß zu machen, wird sein Nervensystem niemals zweimal exakt denselben Impuls senden. Es gibt immer winzige Fluktuationen, kleine Fehler, neuronales Rauschen.
Und genau das ist der Vorteil des Menschen gegenüber dem Roboter! Aus diesen ständigen, unbewussten Abweichungen lernt das Gehirn, stabil zu werden. Ihre Athleten haben das Fechten gelernt, weil ihr Körper schlau genug war, die Starrheit Ihres Trainings durch instinktive Anpassungen auszugleichen. Sie haben gelernt, trotz der monotonen Drills Lösungen für das Chaos auf der Bahn zu finden.
Stellen Sie sich vor, was möglich wäre, wenn wir diesen Prozess nicht bekämpfen, sondern gezielt nutzen würden! Wenn wir die Fehler nicht korrigieren, sondern sie als Motor für das Lernen begreifen. Es geht schneller, es macht mehr Spaß und es führt zu Fechtern, die nicht nur Befehle ausführen, sondern das Spiel verstehen.
Der Weg des Fintenfisches: Ein neuer Entwurf
Stellen Sie sich nun ein anderes Training vor.
Ein Training, in dem Lukas vom ersten Tag an spielt. Er macht keine „Schritte vor“. Er spielt „Stehl dem Gegner die Socke“, ein Spiel, bei dem er die Distanz zum Gegner so manipulieren muss, dass er dessen Socke greifen kann, ohne selbst erwischt zu werden. Er lacht. Er schwitzt. Seine Beinarbeit ist phänomenal, weil er ein Ziel hat. Er lernt die Mensur-Disruption – den Kern des Fechtens –, ohne dass er das Wort buchstabieren kann.
In diesem Buch werden Sie keine einzige Übung finden, bei der man in Reihen steht und auf Kommando die Beine bewegt. Sie werden keine dekontextualisierten Stoßübungen finden. Stattdessen finden Sie:
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Small-Sided Games (SSG): Kleine Spielformen, die das komplexe Wesen des Degensportes einfangen.
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Differential Learning: Warum Variation wichtiger ist als Wiederholung.
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Repräsentatives Design: Warum jedes Training die DNA eines echten Gefechts enthalten muss.
Dieses Buch ist für alle, die das Fechten lieben, aber das Training hassen gelernt haben. Es ist für die Schüler, die endlich wieder kämpfen wollen. Es ist für die Eltern, die wollen, dass ihr Kind an Herausforderungen wächst, statt an Vorschriften zu ersticken. Und es ist für die Trainer, die mutig genug sind, den Kontrollverlust zu wagen, um echte Genialität zu ernten.
Legen wir das Lehrbuch von 1970 beiseite. Machen wir die Halle wieder zum Abenteuerspielplatz.
Lass uns fechten. Wirklich fechten.
Wie Sie dieses Buch benutzen (und wie Du es liest)
Wir wissen, dass Sie keine Zeit zu verlieren haben. Die nächste Trainingseinheit wartet, das nächste Turnier steht vor der Tür. Deshalb haben wir dieses Buch so aufgebaut, dass es für unterschiedliche Bedürfnisse unterschiedliche Wege bietet. Betrachten Sie es als ein Buffet: Nehmen Sie sich das, was Sie gerade brauchen, und lassen Sie den Rest getrost für später liegen.
Der Methodik-Teil: Für die Architektur-Nerds
Hier gehen wir in den Maschinenraum. Wir erklären die gesamte Wissenschaft hinter dem Fintenfisch-Prinzip. Wir sprechen über die Grundlagen des Differential Learning, über Freiheitsgrade in der Bewegung und darüber, wie Druckbedingungen (Zeit, Präzision, Gegner) das Lernen beeinflussen. Wir sprechen über Komplexreaktion und Millisekunden. Über Beck und Harmenberg.
Wenn Sie verstehen wollen, warum wir die Beinarbeit in Reihen so leidenschaftlich ablehnen und was genau im Gehirn passiert, wenn man ständig variiert, statt zu wiederholen, dann ist dies Ihr Abschnitt. Es ist die Referenz für alle, die das „Warum“ hinter dem „Wie“ suchen.
Spoiler: Du kannst diesen Teil komplett überspringen, ohne einen Nachteil zu haben – außer vielleicht ungestillter Neugier. Dein Körper versteht diese Prinzipien nämlich auch, ohne dass Du die Fachbegriffe dafür kennst.
Der Coach-Teil: Hands-on und voller Leben
Das ist das Herzstück für Dich, wenn Du am Rand der Bahn stehst und echtes Lernen ermöglichen willst. Hier zeigen wir, wie man Menschen den Sport beibringt – von der ersten Schnupperstunde der Kleinsten bis hin zur taktischen Finesse für super erfahrene Fechtende.
Wir liefern Dir keine starren Stundenpläne (obwohl, auch dafür gibt es Beispiele), sondern ein Baukastensystem:
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Small-Sided Games (SSG): Spiele, die echtes Fechten atmen.
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Variationskataloge: Wie Du eine einfache Übung durch kleine Änderungen (Constraints) in eine hochkomplexe Lernumgebung verwandelst.
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Anleitungen, wie Du Dein eigenes Training so zusammenbaust, dass es immer spannend, immer neu und immer hocheffektiv bleibt.
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und die Psychologie: Wie Du leistungsfördernd mit Athleten kommunizieren
Der Athleten-Teil: Hacke Dein eigenes Training
Dieser Abschnitt ist für Dich, wenn Du selbst auf der Planche stehst. Egal, ob Dein Coach die Fintenfisch-Methoden bereits anwendet oder ob er Euch (liebe Altmeister) noch immer in Linien aufstellen lässt: Erfahre hier, was Du selbst tun kannst.
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Wir zeigen Dir, wie Du Deine Freigefechte so führst, dass sie nicht nur Spaß machen, sondern Dich gezielt voranbringen.
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Wir geben Dir Strategien an die Hand, wie Du aus einer stupiden Stoßübung oder einer repetitiven Partnerübung etwas für Dich Nützliches machst, ohne den Trainingsfluss zu stören.
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Zudem erfährst Du, wie modernes, sportartspezifisches Athletik-Training funktioniert, das Dich wirklich schneller am Gegner macht, statt nur Deine Muskeln aufzupumpen.
Die technische Referenz: Mythen auf dem Prüfstand
Zum Schluss räumen wir auf. Im technischen Referenzteil nehmen wir fast jede gängige Fecht-Aktion unter die Lupe. Aber wir tun das nicht, um Ihnen zu sagen, wie es „richtig“ geht. Wir analysieren die Varianten und ihre Auswirkungen.
Wir hinterfragen Mantras wie „Arm-vor-Bein“. Wir sagen nicht, dass es falsch ist – wir zeigen Ihnen, welche spezifischen Vor- und Nachteile es in welcher Situation hat. Wir diskutieren, warum es in einem Moment genial sein kann, den Schritt mit der Ferse zu beginnen, und warum man im nächsten Moment besser mit den Zehen voran in die Mensur des Gegners gleitet.
Hier lernen Sie, Technik nicht als Dogma zu sehen, sondern als Werkzeugkasten für Ihre taktischen Ziele.
Ein Versprechen
Egal, welchen Weg Sie durch dieses Buch wählen und für welchen Teil Du Dich entscheidest: Wir bleiben optimistisch, ein bisschen ironisch gegenüber verstaubten Methoden und immer zu 100 % auf der Seite derer, die den Degen in der Hand halten.
Fechten ist zu schön, um es durch langweiliges Training zu ruinieren. Lasst uns anfangen.