Hinter der Kulisse des Fintenfischs (Alpha-Version)
Wir alle stehen auf den Schultern von Riesen. Die traditionelle Fechtlehre, wie sie über Jahrhunderte von den großen Meistern entwickelt wurde, ist ein Monument menschlichen Strebens nach Perfektion. Sie hat Legenden geformt und das Fechten zu der ästhetischen Kunst gemacht, die wir heute lieben.
Die Sackgasse der Klassik: Ein respektvoller Rückblick auf das „Computer-Modell“
Wenn Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen der „alten Schule“, heute in der Halle stehen und nach dem Prinzip des Lernens am Modell (Bandura, 1986) Ziel-Techniken vorgeben, dann tun Sie das aus einer ehrenwerten Tradition heraus. Es war die beste Idee ihrer Zeit: die Vorstellung, dass man durch iterative Annäherung (Djačkov, 1977) und hohe Wiederholungszahlen (Martin et al., 2001) eine Bewegung „einschleifen“ könne.
Doch wir müssen uns heute fragen: Sind unsere Athleten wirklich Maschinen, die wir programmieren können?
Das Gehirn ist kein Computer
Die klassische Fechtlehre basiert oft unbewusst auf der Informationsverarbeitungstheorie. Die Idee: Der Trainer gibt eine Information ein, das Gehirn speichert ein „Motorisches Programm“ (Schmidt, 1975) und ruft dieses bei Bedarf wie eine Datei ab (Adams, 1971) . In dieser Welt wird das Gehirn als zentrale Recheneinheit (CPU) verstanden, die Befehle an die Muskeln sendet.
Stellen Sie sich vor: Ein Schüler lernt den perfekten Parade-Ripo-Stoß in der Lektion. Auf der Planche aber variiert der Gegner den Widerstand, und die Klingenlage um ein paar Zentimeter. Der „programmierte“ Fechter scheitert, weil seine „Datei“ nicht zur Realität passt. Er muss bewusst anpassen - und schon geht ihm die Zeit aus.
Moderne Ansätze zeigen, dass Wahrnehmung und Handlung unmittelbar gekoppelt sind (Davids et al., 2007) . Es gibt keinen „Umweg“ über eine zentrale Recheninstanz. Wer Bewegungen wie Computerbefehle trainiert, erzeugt Athleten, die unter Stress „einfrieren“ (Beilock, 2010) , weil ihr kognitiver Prozessor überlastet ist.
Lernen passiert durch neuroplastische Änderungen. Und der Treibstoff dafür ist – man mag es kaum glauben – der Fehler. Die Forschung ist eindeutig: Ein Lernprozess setzt zwingend voraus, dass das System einen Fehler begeht, der über Feedback zu Anpassungen führt (Metcalfe, 2017) .
Das Beispiel aus der Halle: Der Schüler stößt knapp an der Schulter vorbei. In diesem Moment korrigiert sein Gehirn die Muskelspannung für den nächsten Versuch. Wenn Sie (lieber Coach) jetzt dazwischenrufen: „Arm strecken!“, unterbrechen Sie diesen biologischen Selbstheilungsprozess. Sie verhindern das Lernen, indem Sie die Korrektur vorwegnehmen.
2. Die Sackgasse des Technikleitbildes
In vielen Rahmentrainingskonzeptionen, z. B. (Koch et al., 2017) oder klassisch (Barth et al., 2005) , wird suggeriert, es gäbe eine ideale, platonische Form der Technik. Abweichungen werden als „Fehler“ markiert und korrigiert.
Doch diese Sichtweise ignoriert die fundamentale Individualität des Menschen. Körper und Geist sind steter Veränderung unterworfen, und jedes Individuum bringt eigene Voraussetzungen mit (Kimmerle, 2000) . In der klassischen Methodik fiele das Besondere jedes Einzelnen durch das Raster (Schöllhorn, 1999) . Ein „perfektes“ Technikleitbild ist ein statistischer Durchschnittswert. Er berücksichtigt nicht, ob Du 1,60 m oder 1,95 m groß bist.
Ein kleiner Fechter muss einen anderen Ausfall-Winkel wählen als ein großer, um denselben Treffereffekt zu erzielen. Wer beide in dieselbe Schablone presst, beraubt sie ihrer Effektivität.
Wir müssen uns deshalb von der Idee verabschieden, dass Technik ein statisches Ziel ist. Stattdessen ist sie eine dynamische Lösung, die aus der Interaktion von Athlet, Umwelt und Aufgabe entsteht (Newell, 1991) .
Oft hören wir: „Fechten ist eine jahrhundertealte Tradition, die Technik ist ausgereizt.“ Das ist ein Irrtum. Innovative Bewegungslösungen entstehen immer dann, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern.
Nehmen wir das Paradebeispiel des Hochsprungs: Der „Fosbury-Flop“ wurde nicht erfunden, weil Dick Fosbury eines Morgens beschloss, ein Rebell zu sein. Er wurde möglich, weil sich die Umwelt änderte: Die harten Landegruben aus Sand wurden durch weiche Schaumstoffmatten ersetzt. Plötzlich war eine Landung auf dem Rücken kein Gesundheitsrisiko mehr, sondern die effizienteste Lösung für ein physikalisches Problem.
Das Problem ist: Während die Umwelt sich blitzschnell wandelt, klammert sich die Lehrmethodik oft jahrzehntelang an Dogmen, die längst ihren Sinn verloren haben.
Schauen wir uns das im Fechten an einem ganz konkreten, fast schon schmerzhaften Beispiel an: Den Fußtreffer.
Wenn Sie (liebe Anhänger der klassischen Schule) heute ein altes Lehrbuch aufschlagen, finden Sie für den Fußtreffer eine hochkomplexe Choreografie: Die gegnerische Spitze muss erst mühsam beseitigt oder gebunden werden, der Angriff muss chirurgisch vorbereitet sein, und nach dem Treffer muss sofort eine Absicherung erfolgen, um den Gegentreffer zu verhindern.
Warum war das so? Weil diese Methode in einer Umwelt entstand, in der ein Fußtreffer ohne diese Vorsichtsmaßnahmen buchstäblich lebensgefährlich war. Wer sich ohne Bindung zum Fuß hinunterbeugte, ließ seinen gesamten Oberkörper schutzlos. Ein Gegentreffer bedeutete bei schlechter Schutzausrüstung nicht einen Punkt für den Gegner, sondern einen Aufenthalt im Krankenhaus oder Schlimmeres. Die „klassische“ Technik war eine Überlebensstrategie.
Doch heute? Wir fechten in 800-Newton-Anzügen und mit Maraging-Klingen. Die „Umwelt“ hat sich radikal gewandelt. Heute können wir den Fußtreffer direkt setzen. Wir können ihn als Stör-Aktion setzen, wir können unmittelbar zum Körper fortsetzen. Was ist das Risiko? Im schlimmsten Fall ein blauer Fleck und ein Doppeltreffer. Die physikalische und regelseitige Umwelt erlaubt heute Lösungen, die früher Wahnsinn gewesen wären.
Wir müssen also radikal unterscheiden:
-
Bewegungslösungen sind die Antworten des Athleten auf die Realität der Bahn (Ausrüstung, Scoring-System, moderne Klingen).
-
Lehr-/Lernmethoden sind der Rahmen, den wir als Trainer vorgeben.
Wenn wir in der Linearen Pädagogik verharren, zwingen wir Dich (lieber Fechter) dazu, Lösungen für eine Umwelt von 1970 zu trainieren, während Du auf einer Planche von heute stehst. Wir behindern Deine Anpassungsfähigkeit durch künstliche „Denk-Verbote“.
3. Das Bernstein-Problem: Warum Wiederholung eine Lüge ist
Das vielleicht größte Missverständnis der klassischen Methodik ist der Glaube an die exakte Wiederholbarkeit. Man denkt: „Wenn ich den Stoß 10.000 Mal exakt gleich mache, kann ich ihn perfekt.“
Bereits in den 1920er Jahren untersuchte der russische Physiologe Nikolai Bernstein Hammerschmiede bei der Arbeit. Er wollte wissen, wie sie es schafften, hunderte Male mit absoluter Präzision denselben Punkt auf dem Amboss zu treffen. Seine Entdeckung war eine wissenschaftliche Sensation: Die Schmiede nutzten niemals zweimal exakt denselben Bewegungspfad. Die Kurven ihrer Gelenke variierten ständig, aber das Ergebnis war stabil.
Bernstein nannte das Prinzip „Wiederholung ohne Wiederholung“, posthum veröffentlicht in seinem Standardwerk (Bernstein, 1967) . Das Nervensystem nutzt seine Freiheitsgrade, um ein stabiles Ergebnis trotz schwankender interner Bedingungen (Ermüdung, Konzentration, Muskspannung) zu erzielen.
Was bedeutet das für Dich auf der Planche? Wenn Du versuchst, eine Bewegung „einzuschleifen“, kämpfst Du gegen Dein eigenes Nervensystem. Dein Körper ist darauf programmiert, Variabilität zu nutzen, um stabil zu bleiben (Hatze, 1986) .
Ein Training, das Variabilität unterdrückt („Ellbogen zwei Zentimeter tiefer!“), macht Dich nicht präziser – es macht Dich fragil. Nur durch das Zulassen von Fluktuationen und scheinbaren „Fehlern“ lernt Dein System wirklich, sich an die chaotische Realität eines Gefechts anzupassen (Metcalfe, 2017) .
4. Talent als Prozess, nicht als Schicksal
In der traditionellen Fechtwelt wird „Talent“ oft wie eine mystische Gabe behandelt, die man entweder in den Genen hat oder eben nicht. Der klassische Weg der Talentförderung folgt dabei einem fast schon rituellen Pyramidenmodell: Tausende Kinder steigen im Breitensport ein. Dort wählen Sie (liebe Trainerinnen und Trainer) die „Begabten“ aus. Wer in dieses Raster passt, rückt auf in die Riege der „Talentierten“, die dann exklusive Kaderförderung genießen, während der Rest als „Material für die Breite“ zurückbleibt.
Doch wenn wir ehrlich sind: Dieses Modell ist kein Fördersystem. Es ist ein Säuberungsprozess auf Basis von Vorurteilen (Baker et al., 2021) .
Das erste Problem dieses Systems ist seine erschreckende Kurzsichtigkeit. Meistens suchen wir bei Sichtungen nach Kindern, die schlichtweg einen biologischen Vorsprung haben (Cobley et al., 2009) .
Wer mit zehn Jahren einen Kopf größer ist als seine Altersgenossen, macht längere Ausfälle und dominiert physisch die Bahn. „Ein Riesentalent!“, rufen die Landestrainer.
Dabei ist das oft kein Talent, sondern nur ein zeitweiliger Reifungsvorteil. Sobald die anderen Kinder in der Pubertät nachziehen, verschwindet dieser „Vorsprung“ oft spurlos. Der einstige Champion scheitert bei den Senioren, weil er nie lernen musste, komplexe taktische Probleme über Selbstorganisation zu lösen – er konnte sich jahrelang auf seine schiere Größe verlassen.
Gleichzeitig haben wir die potenziellen Weltmeister der Zukunft bereits mit zwölf Jahren aussortiert, nur weil sie „Spätentwickler“ waren. Dass kaum ein Junioren-Weltmeister jemals Senioren-Weltmeister wird, ist kein Zufall – es ist das Ergebnis dieses fehlerhaften Auswahlmodells (Seifert & Guellich, 2014) .
Viel tückischer als die körperliche Größe ist jedoch die ästhetische Zensur in unseren Köpfen. In vielen Vereinen gilt als „talentiert“, wer „schön“ fechtet. Damit meinen wir meistens: Wer sich so bewegt, wie es unser persönliches ästhetisches Idealbild vorgibt.
Wer geschmeidig gleitet, den Arm „akademisch korrekt“ streckt und dabei aussieht wie eine Illustration aus einem Lehrbuch von 1950, bekommt das Etikett „begabt“. Wer hingegen „eckig“ fechtet, unkonventionelle Rhythmen nutzt oder wessen Körperlösungen nicht dem „goldenen Schnitt“ entsprechen, wird oft als „unsauber“ oder „bewegungstalentfrei“ abgestempelt.
Wir müssen uns trauen, diese Arroganz der Ästhetik zu hinterfragen: Warum ist eine Bewegung „schön“, wenn sie weniger funktional ist als eine „hässliche“, die den Punkt macht? Wenn wir nach „Schönheit“ selektieren, züchten wir eine Armee von Klonen heran, die zwar ästhetisch glänzen, aber in der harten, unvorhersehbaren Variabilität eines echten Gefechts zerbrechen. Wahre Meisterschaft liegt nicht in der Kopie eines Bildes, sondern in der Funktionalität der Lösung.
Hinter dem, was wir als „begabt“ bezeichnen, steckt oft nur die Fähigkeit des Nervensystems, schneller stabile Muster aus chaotischen Reizen zu bilden (Haken et al., 1985) . Aber diese Fähigkeit ist bei jedem Menschen vorhanden und entwickelbar!
Ein modernes Training nach dem Constraints-Led Approach (CLA) sucht nicht nach den „fertigen“ Talenten, um sie dann wie Roboter zu programmieren. Stattdessen schaffen wir Umgebungen, in denen sich die Begabung bei jedem Athleten entfalten kann (Button et al., 2008) . Wir geben keine Lösungen vor. Wir setzen Rahmenbedingungen, die das Nervensystem herausfordern, seine eigene, individuelle – und ja, vielleicht für den Trainer „hässliche“ – aber hocheffektive Lösung zu finden.
Einschub: Die System-Sprenger - Warum Inklusion die ultimative taktische Waffe ist
Schauen wir der Wahrheit ins Auge: Wenn wir heute auf das Podium eines Weltcups blicken, sehen wir eine frappierende Uniformität. Wir sehen Athleten, die oft wie aus dem gleichen biomechanischen Baukasten wirken. Ist das der Beweis dafür, dass nur dieser eine Typus Mensch fechten kann?
Nein. Es ist der Beweis dafür, dass unser Selektionsprozess ein Filter für Monokulturen ist.
Der biologische Beweis: Kompensation ist das Wesen des Lebens
Aus Sicht der Ökologischen Dynamik ist jeder Mensch ein selbstorganisierendes System, das versucht, eine Aufgabe (den Treffer) unter den gegebenen Bedingungen (Constraints) zu lösen. Wenn ein Teil des Systems anders funktioniert – sei es durch eine körperliche Einschränkung oder eine neurodivergente Verdrahtung –, reagiert das Gesamtsystem mit einer funktionalen Reorganisation.
Das Gehirn „weiß“ nichts von Behinderung; es kennt nur Lösungen. Wenn wir einen Athleten richtig fördern, wird seine vermeintliche „Einschränkung“ oft zur Basis einer hochspezialisierten, unvorhersehbaren Taktik, die ein „Standard-Fechter“ schlicht nicht verarbeiten kann.
Welche „Einschränkungen“ sind im Fechten eigentlich kompensierbar?
Wenn wir das technische Dogma ablegen und uns rein auf die Perzeptions-Aktions-Kopplung konzentrieren, stellen wir fest, dass viele Merkmale, die heute zur Aussortierung führen, die Performance im Degenfechten kaum negativ beeinflussen – oder sogar ins Gegenteil verkehrt werden könnten.
-
Gehörlosigkeit / Schwerhörigkeit:
Fechten ist ein primär visueller und taktiler Sport. Die Wahrnehmung von Klingenreizen und gegnerischer Körpersprache (Affordances) ist völlig unabhängig vom Gehör. Studien zeigen oft, dass Menschen mit Hörbeeinträchtigung eine schnellere visuelle Reaktionszeit und eine geschärfte periphere Wahrnehmung entwickeln. In einem Sport, der von der Antizipation kleinster Bewegungen lebt, ist das ein massiver Vorteil.
Als Beispiel verweisen wir auf die gehörlose, Olymiasiegerin und fünfmalige Weltmeisterin Ildikó Rejtő. -
Körperliche Asymmetrien / Gliedmaßen-Fehlbildungen:
Im Degenfechten nutzen wir ohnehin nur eine Seite dominant. Eine Einschränkung am nicht-fechtenden Arm oder leichte Dysbalancen im Gangbild lassen sich durch eine hochindividuelle Beinarbeit und Rumpfstabilität kompensieren. Oft entwickeln solche Fechter eine „unmögliche“ Geometrie, die den Gegner in den Wahnsinn treibt, weil seine gelernten Parade-Winkel nicht mehr greifen.
Als Beispiel solcher Sportler verweisen wir auf Shaquem Griffin und Jim Abbott. -
ADHS / Neurodivergenz:
In der klassischen „Reihen-Beinarbeit“ werden diese Kinder als „untalentiert“ oder „störend“ aussortiert, weil sie sich nicht in die lineare Monotonie fügen. Doch im echten Gefecht? Hier ist Hyperfokus, eine extrem schnelle Reizverarbeitung und die Fähigkeit, in chaotischen Situationen Muster zu erkennen, eine absolute Superkraft. Ein ADHS-Gehirn ist oft wie geschaffen für die Mensur-Disruption eines Johan Harmenberg.
Als Beispiel solcher Sportler verweisen wir auf Michael Phelps und Simone Biles. -
Autismus / Asperger-Syndrom (Die Muster-Detektoren):
In einem klassischen Training werden diese Menschen oft aussortiert, weil sie Schwierigkeiten mit sozialen Hinweisen oder vagen Trainer-Anweisungen haben. Doch auf der Planche? Fechten ist ein Spiel aus Mustern. Ein Mensch auf dem Spektrum besitzt oft eine überlegene Fähigkeit zur Mustererkennung und zum Hyperfokus.
Während der „normale“ Fechter durch das Geplänkel und die Emotionen des Gegners abgelenkt wird, filtert das autistische System die rein taktische Information: „In 92 % der Fälle, in denen er die Klinge so senkt, folgt ein Angriff auf den Unterarm.“
Das ist keine Behinderung, das ist ein integrierter Hochleistungsrechner für Neutral Zone Engagement.
Solche Fechter sind unerbittlich darin, die Fehler in der gegnerischen Struktur zu finden, weil sie sich nicht von den sozialen Finten des Gegners täuschen lassen.
Als Beispiel eines solchen Sportlers verweisen wir auf Clay Marzo. -
Intellektuelle Beeinträchtigung (Die intuitiven Disruptoren):
Wir neigen dazu, Fechten als „Schach mit Muskeln“ zu überintellektualisieren. Doch zu viel Denken führt oft zum „Choking“ unter Druck (Beilock, 2010) ; Menschen mit einer leichten geistigen Beeinträchtigung (z. B. Trisomie 21 in bestimmten Ausprägungen) agieren oft viel unmittelbarer in der Perzeptions-Aktions-Kopplung. Sie grübeln nicht über die dritte Finte nach – sie spüren die Lücke und stoßen zu.
Ihr System ist oft weniger durch soziale Ängste oder das Zerbrechen an komplexen „If-Then“-Regeln belastet. Sie bleiben im Moment. Taktisch gesehen ist das eine perfekte Voraussetzung für das Asymmetrische Engagement: Sie reagieren nicht so, wie der Gegner es „logisch“ erwartet, sondern so, wie die Situation es erfordert. Das macht sie für einen intellektualisierten „Schulfechter“ völlig unberechenbar.
Als Beispiel eines solchen Sportlers verweisen wir auf Chris Nikic.
Warum sehen wir sie dann nicht an der Weltspitze?
Die Antwort ist schmerzhaft: Weil wir sie gar nicht erst auf die Planche lassen.
Die Auswahl ist systemisch diskriminierend, und wir können das an zwei Punkten belegen:
-
Das Ästhetik-Diktat: Da Trainer (Sie, liebe Kollegen, wissen das) oft nach „Schönheit“ und „Lehrbuch-Konformität“ auswählen, werden alle, die sich „anders“ bewegen, frühzeitig entmutigt oder als „Breitensport-Fall“ abgestempelt.
-
Die methodische Hilflosigkeit: Da die Lineare Pädagogik nur einen Weg zum Erfolg kennt (den Weg des Trainers), weiß ein klassischer Coach schlicht nicht, wie er mit einem System umgehen soll, das andere Hebelwege oder Wahrnehmungskanäle nutzt. Er kann nur „Fehler“ sehen, wo eigentlich „Anpassung“ stattfindet.
Wenn wir die Prinzipien des Differenziellen Lernens und des System-Destruction-Ansatzes ernst nehmen, müssen wir zugeben: Ein Fechter, der aufgrund einer Behinderung gezwungen war, sein System radikal individuell zu organisieren, ist der ultimative Albtraum für jeden Standard-Athleten. Er bringt eine Variabilität mit, die man nicht im Training simulieren kann.
Wir sehen diese Menschen deshalb nicht in der Weltspitze, weil unsere Trainer sie wie defekte Uhren behandeln, die man reparieren muss, statt sie als hochspezialisierte Rennwagen zu begreifen, die eine andere Art von Fahrwerk haben.
Wahre Inklusion im Fechten bedeutet: Wir fördern nicht trotz einer Behinderung, sondern wir nutzen die einzigartige System-Konfiguration jedes Einzelnen, um Lösungen zu finden, die so brillant und eigenwillig sind, dass die „Norm-Welt“ keine Antwort darauf hat.
Die Harmenberg-Logik: Dein Makel ist Deine Waffe
Wenn Du eine körperliche oder geistige Besonderheit hast, bist Du ein geborener System-Zerstörer. Dein gesamtes Fechten findet außerhalb dessen statt, was der Gegner in seinen 10.000 Stunden Training gelernt hat.
-
Er erwartet eine Parade in einem bestimmten Winkel? Du hast diesen Winkel gar nicht.
-
Er will Dich durch psychologischen Druck aus der Reserve locken? Dein System reagiert auf ganz andere Reize.
-
Er will Dich in einen rhythmischen Tanz verwickeln? Dein Rhythmus ist asymmetrisch.
Wahre Inklusion im Fechten bedeutet zu erkennen: Der „behinderte“ Fechter ist der ultimative Endgegner für die lineare Pädagogik. Er beweist, dass es keine „Idealtechnik“ gibt, sondern nur die effiziente Zerstörung des gegnerischen Plans.
Hören wir auf, so zu tun, als müssten wir diese Menschen „gnädigerweise“ mitmachen lassen. Fangen wir an zu begreifen, dass sie uns zeigen, was Fechten wirklich ist: Die radikale Selbstorganisation eines Systems, um unter widrigen Umständen zu siegen.
⇒ Vielleicht ist der Grund, warum wir sie nicht an der Weltspitze sehen, schlicht die Angst der „Normalen“, gegen jemanden zu fechten, für den es kein Lehrbuch gibt.
Die Architektur des Chaos - Fintenfisch und die Dynamic Systems Theory (DST)
Wenn wir akzeptieren, dass Bernstein recht hatte und es keine exakte Wiederholung gibt, stehen wir vor einer Scherbenhaufen-Frage: Wenn ich als Coach keine perfekte Technik „einpauken“ kann – was mache ich dann den ganzen Abend in der Halle?
Wir verlassen uns auf die Dynamic Systems Theory (DST): Vergessen Sie die Idee des Trainers als Programmierer. In der DST bist Du ein Architekt von Umgebungen. Du baust den Spielplatz, auf dem das Nervensystem des Athleten lernt, sich selbst zu organisieren.
Was ist ein dynamisches System? (Und warum bist Du eines?)
Ein dynamisches System ist ein Gebilde aus vielen Teilen (Muskeln, Nerven, Emotionen, Klinge, Gegner), die miteinander interagieren, ohne dass es einen „Chef“ gibt, der alles kontrolliert. Denken Sie an einen Vogelschwarm: Es gibt keinen Anführer, der jedem Vogel sagt, wohin er fliegen soll. Die Formation entsteht durch einfache Regeln und die Reaktion auf den Nachbarn.
In der DST nennen wir das Selbstorganisation (Kelso, 1995) . Dein Körper „findet“ die Lösung für einen Treffer, wenn die Bedingungen stimmen. Deine Aufgabe als Coach ist es nicht, die Lösung vorzugeben, sondern die Constraints (Einschränkungen) so zu setzen, dass die Lösung fast zwangsläufig entstehen muss (Newell, 1991) .
Die Kernpunkte der DST im Fechten
-
Nicht-Linearität: Kleine Ursache, große Wirkung. Eine minimale Gewichtsverlagerung kann das gesamte System des Gegners zum Einsturz bringen. Wir trainieren nicht in geraden Linien, sondern in Schwellenwerten.
-
Attraktoren und Fluktuationen: Eine stabile En-Garde-Position ist ein „Attraktor“ – ein Zustand, in den das System gerne zurückkehrt. Aber Vorsicht: Zu stabile Attraktoren machen Dich berechenbar. Wir brauchen ein gewisses Maß an Rauschen und Instabilität, um reaktionsfähig zu bleiben (Haken et al., 1985) .
-
Phasenübergänge: Das ist der magische Moment im Gefecht. Du wartest, lauerst, und plötzlich – ein winziger Reiz – kippt das System von „Defensiv“ in „Angriff“. Dieser Umschlagpunkt ist keine Entscheidung, die Du im Kopf triffst, sondern ein physikalischer Prozess Deines Gesamtsystems.
Beweise für die Wirksamkeit: Funktioniert das wirklich?
Sie (liebe Skeptiker) fragen sich jetzt sicher: „Klingt ja nett nach Physik-Leistungskurs, aber treffen meine Schüler dadurch besser?“ Die Antwort ist ein klares: Ja. Und zwar schneller als mit herkömmlichen Methoden.
-
Höhere Lernrate durch Variabilität: Studien zum Differenziellen Lernen (der praktischen Anwendung der DST) zeigen konsistent, dass Gruppen, die niemals eine Bewegung exakt wiederholen, sondern ständig variieren, herkömmlichen „Drill-Gruppen“ weit überlegen sind (Schöllhorn, 2005) ; das Nervensystem lernt in den Unterschieden, nicht in der Gleichheit.
-
Transfererfolg im Golf, Tennis und Fußball: Ob beim Putten (Wewetzer, 2008) , beim Tennisaufschlag (Schöllhorn et al., 2008) oder im Fußball-Torschuss (Trockel, 2003) – Sportler, die nach systemdynamischen Prinzipien trainieren, zeigen eine deutlich stabilere Leistung unter Druck. Warum? Weil ihr System gelernt hat, mit Störungen umzugehen, statt an ihnen zu zerbrechen.
-
Anpassungsfähigkeit im Fechten: (Zeuwts et al., 2017) untersuchte die Fähigkeit von Elitefechtern, laufende Aktionen zu korrigieren.
Das Ergebnis: Die besten Fechter sind nicht die mit der „saubersten“ Technik, sondern die mit der höchsten Korrekturgeschwindigkeit. Sie sind dynamische Systeme, die ihre Aktion noch im Flug an die Veränderung des Gegners anpassen können. Ein starr programmiertes „Motorisches Programm“ könnte das niemals leisten.
Das Ende der Fehlerkorrektur
Wenn wir die DST ernst nehmen, müssen wir uns von einer der liebsten Aufgaben des Trainers verabschieden: der ständigen Korrektur. „Der Arm war zu tief“, „Der Ausfall war zu kurz“.
Hören Sie auf damit!
Wenn ein Schüler einen „Fehler“ macht, ist das kein Defekt, sondern ein Suchprozess seines Systems nach einer Lösung (Metcalfe, 2017) . Wenn Sie (lieber Coach) sofort intervenieren und die Lösung vorgeben, stoppen Sie den Lernprozess. Sie nehmen dem Nervensystem die Chance, durch Stochastische Perturbationen (zufällige Störungen) stabiler zu werden (Schöllhorn et al., 2010) .
Die neue Regel lautet: Wenn der Schüler das Ziel nicht trifft, verändere nicht seine Armhaltung durch Worte. Verändere die Aufgabe! Gib ihm einen schwereren Degen, verkürze die Bahn oder verbinde ihm ein Auge. Zwinge sein System, selbst die Antwort zu finden. Das ist die Fintenfisch-Methode.
Es ist Zeit, den Kontrollwahn abzulegen. Wir vertrauen nicht auf die Anweisung des Trainers, wir vertrauen auf die Intelligenz der Biologie.
Einschub: Daddeln für den Breitensport oder Eignung für Olympia - Die „seriöse“ Sackgasse
Schön und gut für die Kleinen, damit sie bei der Stange bleiben. Aber wenn es um die Bundeskader geht, um Weltcups und das olympische Finale – da brauchen wir Disziplin, da brauchen wir die harte Schule, da brauchen wir das Exerzieren, bis die Technik sitzt!“
Es ist das Bild vom „seriösen“ Training, das wir alle im Kopf haben: Schweiß, Monotonie und absolute mechanische Präzision. Doch hier liegt der gefährlichste Denkfehler unserer Sportart. Wir glauben, dass Weltklasse durch die Eliminierung von Fehlern entsteht. Die Wissenschaft und die moderne Taktik sagen uns: Weltklasse entsteht durch die Perfektionierung der Anpassung.
Wenn wir uns die europäische Spitzenklasse ansehen, dann sehen wir Athleten, die unter extremem Zeitdruck Entscheidungen treffen müssen. In einem olympischen Finale ist nichts „sauber“. Der Gegner ficht „hässlich“, er stört, er bricht den Rhythmus, die Nerven flattern (Harmenberg et al., 2023) .
Wenn wir unseren Schülern jahrelang beigebracht haben, wie eine Parade im klinisch reinen Umfeld der Lektion aussieht, dann haben wir sie auf ein Szenario vorbereitet, das in der Weltspitze niemals eintritt. Sie haben eine „fragile“ Technik gezüchtet. (Wulf, 2013) . Sobald der Gegner das System stört, bricht die gelernte Mechanik zusammen (Wulf, 2007) .
„Seriöses“ Training im Sinne der Ecological Dynamics bedeutet nicht, weniger zu fordern. Es bedeutet, mehr zu fordern – aber auf eine intelligentere Weise. Es bedeutet, den Athleten ständig in das „funktionale Chaos“ zu stürzen, das ihn zwingt, Lösungen zu finden, die so stabil sind, dass sie eben nicht nur im Training, sondern auch im Stress des entscheidenden Treffers funktionieren.
Warum „Gedaddel“ eigentlich Hochleistungssport ist
Was wie „Gedaddel“ aussieht, ist in Wahrheit hochkomplexes Representative Learning Design (RLD).
Ein Weltklasse-Fechter zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sein Arm immer im exakt gleichen Winkel streckt. Er zeichnet sich durch Degeneracy aus – die biologische Fähigkeit, denselben Treffer aus tausend verschiedenen Körperpositionen zu setzen (Seifert et al., 2013) .
Ein Fechter, der nur den „idealen“ Ausfall gelernt hat, ist limitiert. Ein Fechter, der durch Differential Learning gelernt hat, aus jeder noch so absurden Schieflage zu treffen, ist unbesiegbar. Er hat keine „Technik“ – er hat eine Lösungskompetenz (Araujo & Davids, 2011) .
Die gläserne Decke der Linearität
Traditionelles Drill-Training baut eine gläserne Decke über Ihre Athleten. Sie erreichen ein gewisses Niveau durch Fleiß und Gehorsam. Aber um in die Weltspitze vorzustoßen, müssen sie diese Decke durchbrechen und anfangen, das Spiel zu lesen, die Mensur zu disruptieren und interpersonelle Synergien zu nutzen.
Der Fintenfisch-Ansatz ist kein „Wohlfühl-Programm“ für Breitensportler. Es ist eine Methode, die sicherstellt, dass ein Athlet nicht nur die Bewegungen des Fechtens beherrscht, sondern das Wesen des Kämpfens.
Wir produzieren keine Roboter, die bei der kleinsten Störung versagen. Wir produzieren Athleten, die wie der Fintenfisch (der Tintenfisch) sind: hochgradig intelligent, unvorhersehbar und in der Lage, sich in Millisekunden an jede Veränderung der Umwelt anzupassen.
Wenn wir also Weltmeister wollen, dann hören wir auf, Statuen zu dressieren. Fangen wir an, Architekten des Chaos zu trainieren. Denn am Ende gewinnt nicht derjenige, der die schönste Parade macht. Es gewinnt derjenige, der im Chaos am stabilsten bleibt.
Methodische Grundlagen des Fintenfisch-Systems
Folgende Methoden bilden das Fundament der Fintenfisch-Methode. Sie basieren darauf, dass wir Dich als ein lebendiges, lernfähiges System begreifen, das am besten wächst, wenn man es vor echte Herausforderungen stellt.
Hier unsere JA-BITTE-Liste:
-
Ecological Dynamics & DST (Dynamic Systems Theory):
Wir betrachten das Fechten als ein Zusammenspiel zwischen Dir, Deinem Gegner und der Umgebung. Alles, was Du tust, ist eine Form der Selbstorganisation (Kelso, 1995) . Es gibt keinen „Chef“ im Kopf, der Muskeln steuert; die Lösung entsteht im Moment des Kontakts. -
Constraints-Led Approach (CLA):
Statt Dir zu sagen, wie Du stoßen sollst, verändern wir die Rahmenbedingungen (Constraints). Wir verkürzen die Bahn, nutzen schwerere Degen oder ändern die Trefferfläche. Diese „Leitplanken“ zwingen Dein Nervensystem, selbst die effizienteste Lösung zu finden (Button et al., 2008) . -
Differential Learning (DL):
Wir feiern das Rauschen! Statt 100-mal denselben Stoß zu „üben“, variieren wir jede Wiederholung: mal tiefer, mal schneller, mal mit geschlossenen Augen. Diese ständigen Unterschiede füttern Dein Gehirn mit Informationen und stabilisieren Deine Technik schneller als jeder monotone Drill (Schöllhorn, 2005) . -
Embodied Cognition (Verkörperter Geist):
Wir hören auf zu glauben, dass das Gehirn ein einsamer Pilot ist, der den Körper wie eine leblose Maschine steuert. Dein Denken findet im ganzen Körper statt. Die Taktik "steckt" in Deinen Beinen und in Deinem Gefühl für die Klinge.
Du triffst keine Entscheidung im Kopf, die Du dann ausführst – die Bewegung ist die Entscheidung. Dein Degen ist kein Werkzeug, er ist ein Sinnesorgan. -
Representative Learning Design (RLD):
Training muss wie Fechten aussehen. Wir verzichten auf alles, was die Verbindung zwischen Sehen und Handeln (Perzeptions-Aktions-Kopplung) zerstört. Wenn Du nicht auf einen echten Gegner reagierst, lernst Du nicht Fechten, sondern Gymnastik. -
Small-Sided Games (SSG) & Game-Based Approach:
Wir packen taktische Probleme in kleine, hochintensive Spiele. Du lernst Mensur-Disruption und Neutral Zone Engagement nicht durch Theorie, sondern indem Du versuchst, im Spiel „Stehl-die-Socke“ nicht erwischt zu werden. -
Interpersonal Synergies:
Wir trainieren die unsichtbare Verbindung zwischen Dir und Deinem Partner. Taktik ist das, was zwischen zwei Fechtern passiert, nicht in Deinem Kopf allein.
Die NEIN-DANKE-Liste, die wir hinter uns lassen:
-
Linear Pedagogy & Cognitivism:
Wir lehnen die Idee ab, dass man Fechten durch das Auswendiglernen von „Wenn-Dann-Regeln“ lernt. Wer im Gefecht erst nachdenken muss, hat schon verloren (Beilock, 2010) . -
Zerlegung der Bewegungen:
Wir zerlegen Bewegungen nicht in leblose Einzelteile. Eine Finte ohne Stoßabsicht und ohne Reaktion des Gegners ist eine wertlose Bewegungshülse. Wir trainieren immer das Ganze (Pinder et al., 2011) . -
Einschleifen und geblockte Übungen:
Das ewige Wiederholen derselben Bewegung gegen ein lebloses Kissen oder einen kooperativen Partner ist die sicherste Methode, um Lern-Plateaus zu erzeugen. Es ist steriles Training für eine chaotische Welt (Simon & Bjork, 2001) . -
Übungen ohne Kontext:
Einzeltraining an der Wand oder Trocken-Beinarbeit in der Gruppe. Warum? Weil kein Gegner da ist. Ohne Gegner fehlt der wichtigste Constraint des Fechtens. Es ist wie Trockenschwimmen auf dem Hallenboden. -
Lernen durch Einsicht / Lernen durch Zuhören:
Sie (liebe Coaches der alten Schule) reden gerne? Wir nicht. Während Sie erklären, kühlen die Athleten ab und das Gehirn schaltet auf Standby. Wir wollen Action, keine Vorlesungen (Masters & Maxwell, 2008) .
Die wichtigsten Lehr- und Lernmethoden - und ihre Anwendung im Fechten
In diesem Kapitel verlassen wir das „Warum“ und widmen uns dem „Wie“. Die Methoden, die wir Ihnen hier vorstellen – von der Ökologischen Dynamik über das Differenzielle Lernen bis hin zum Constraints-Led Approach –, sind in der modernen Sportwissenschaft längst etabliert. Sie bilden das Fundament für Spitzenleistungen im Fußball, Basketball oder Tennis.
Für den Fechtsport fehlte bisher eine konsequente Übersetzung dieser Prinzipien in die tägliche Hallenpraxis. Das ändern wir jetzt.
Das Fundament: Ecological Dynamics & DST
Stellen Sie sich vor, Sie müssten einem Fluss erklären, wie er fließen soll. Würden Sie ihm sagen: „Bewege Wassermolekül 432 nach links und Molekül 981 etwas schneller“? Nein. Der Fluss findet seinen Weg von selbst. Er reagiert auf das Gefälle, auf Steine im Bett, auf die Regenmenge. Er organisiert sich selbst.
Genau das ist der Kern der Ecological Dynamics (Ökologische Dynamik) und der Dynamic Systems Theory (DST). Wir betrachten den Fechter nicht als Maschine, die wir programmieren, sondern als ein komplexes, lebendiges System, das sich in jedem Moment neu an seine Umgebung anpasst.
Nach der DST entsteht eine Bewegung niemals isoliert im Körper. Sie emergieren (tauchen auf) aus der Interaktion von drei Faktoren, die wir Constraints (Einschränkungen/Rahmenbedingungen) nennen. (Newell, 1991) hat dieses Modell geprägt, und es ist der Schlüssel, um Fechten wirklich zu verstehen:
-
Der Organismus (The Performer): Das bist Du. Deine Körpergröße, Deine Schnellkraft, Deine Müdigkeit, Deine Angst, Deine langen oder kurzen Arme. Auch Deine aktuelle Stimmung gehört dazu.
-
Die Umwelt (The Environment): Alles um Dich herum. Der Gegner (groß, klein, aggressiv, passiv), der Boden (rutschig oder griffig), das Licht, der Lärm, der Kampfrichter, der Spielstand.
-
Die Aufgabe (The Task): Was willst Du erreichen? Willst Du schnell einen Einzel-Treffer setzen? Willst Du nur Zeit schinden? Willst Du den Gegner provozieren? Die Regeln des Gefechts (Trefferfläche, Zeitlimit) gehören auch hierher.
Die Kernaussage: Es gibt keine "ideale Technik", die unabhängig von diesen drei Faktoren existiert. Eine Bewegung ist nur dann "gut", wenn sie die Probleme löst, die diese drei Faktoren in diesem spezifischen Moment stellen.
Praxisbeispiel: Die drei Gesichter des Flèche
Lassen Sie uns das abstrakte Modell auf die Planche holen. Nehmen wir den Flèche (Sturzangriff). Im klassischen Lehrbuch steht oft nur eine Version: Arm strecken, Schwerpunkt nach vorne verlagern, explosiver Abdruck.
Szenario 1: Der "Klassiker" (Idealbedingungen)
-
Mensch: Du bist frisch, explosiv.
-
Umwelt: Der Gegner steht in mittlerer Mensur, seine Spitze bedroht Dich nicht direkt.
-
Aufgabe: Einen direkten Treffer auf den Rumpf setzen.
-
Die Lösung: Hier funktioniert das Lehrbuch. Du streckst den Arm ("Arm vor Bein"), explodierst und triffst sauber. Das System organisiert sich linear, weil keine Störung da ist.
Szenario 2: Der "Späte" (Reaktion auf Bedrohung)
-
Mensch: Du bist etwas langsamer als der Gegner.
-
Umwelt: Der Gegner steht etwas weiter, hat seine Klinge entzogen und lauert auf einen Konter zur Hand
-
Aufgabe: Triff ihn, aber entziehe ihm die Gelegenheit zum Konter
-
Die Lösung: Wenn Du hier "Arm vor Bein" machst, ist dein Arm der Landeplatz für seine Spitze. Dein System organisiert sich anders: Du startest den Körper zuerst (um die Distanz zu überbrücken), lässt den Arm aber angezogen. Erst im allerletzten Moment erfolgt die Streckung. Ein klassischer Trainer würde schreien: "Armfehler! Du hast ausgeholt!" Die DST sagt: "Geniale Anpassung an eine bedrohliche Umwelt."
Szenario 3: Der "Gewurstelte"
-
Mensch: Du bist müde, Deine Beine sind schwer.
-
Umwelt: Der Gegner kommt Dir entgegen, aus mittlerer Mensur setzt er eine Finte in zweiter Absicht: er will deinen Gegenangriff haben und hinein seinerseit einen Gegenangriff setzen
-
Aufgabe: Setze den Gegenangriff, ohne ihm (mit dem Arm) den Gegenangriff zu geben
-
Die Lösung: Du wirfst Dich fast ohne Beinarbeit nach vorne, der Arm ist krumm, die Handgelenke verdreht. Der Arm geht gar nicht vor. Du sperrst einfach nur seine Klinge raus und rammst ihm den Fléche einfach aus den Beinen in die Flanke. Es sieht furchtbar aus. Aber die Lampe brennt.
Fazit: Alle drei Bewegungen sind Flèches. Alle drei waren in ihrer Situation die optimale Lösung. Hätte der Fechter in Szenario 2 oder 3 versucht, das "Idealbild" aus Szenario 1 zu erzwingen, wäre er getroffen worden.
Selbstorganisation statt Programmierung
Wir vertrauen auf die Intelligenz des Körpers. Aber wir müssen ihm die Chance geben, diese Intelligenz zu nutzen.
Ein dynamisches System kann sich nur dann organisieren, wenn es die Konsequenzen seines Handelns unmittelbar spürt. Das ist der blinde Fleck vieler klassischer Trainingsmethoden: Wir polstern die Realität ab. Wir lassen den Partner kooperieren („Lass ihn mal treffen“). Wir korrigieren verbal, bevor der Fehler passiert.
Die DST fordert brutale Ehrlichkeit der Umwelt.
Wenn Du zu kurz stößt, muss die Lampe ausbleiben. Wenn Du zu langsam bist, muss der Gegentreffer wehtun (oder zumindest leuchten). Nur durch dieses inhärente Feedback („Knowledge of Performance“) lernt Dein Nervensystem.
-
Der Fehler ist die Information: Wenn der Treffer nicht kommt, ist das kein Versagen. Es ist die Information für Dein System: „Diese Lösung (z.B. dieser Winkel, dieser Druck) hat nicht funktioniert. Justiere nach!“
-
Qualität muss spürbar sein: Es reicht nicht, irgendwie zu treffen. Das System muss spüren: War der Treffer satt? War er schnell genug, um dem Konter zu entgehen? War er präzise auf der schwächsten Stelle der gegnerischen Deckung?
Lernumgebungen gestalten
Wenn wir akzeptieren, dass der Fechter ein dynamisches System ist, das sich selbst organisiert, dann ändert sich unsere Aufgabe als Trainer fundamental. Wir sind keine Instruktoren mehr, die Fehler vermeiden wollen. Wir sind Architekten des Scheiterns.
Das klingt paradox? Ist es nicht. Lernen findet physikalisch im Gehirn nur statt, wenn eine Vorhersage nicht eintrifft (Prediction Error). Wenn alles glatt läuft, schläft das System. Deshalb lautet die neue goldene Regel für DST-Umgebungen: Provziere Fehler!
Die Wissenschaft (u.a. (Guadagnoli & Lee, 2004) mit dem Challenge Point Framework) nennt uns fünf nicht verhandelbare Eigenschaften, die jede Übung haben muss, damit echtes Lernen stattfindet.
Die 5 Säulen einer effektiven Lernumgebung
-
Repräsentativität (Representative Design):
Die Übung muss sich „anfühlen“ wie Fechten. Die Informationen (Abstand, Klingenbewegung, Timing), die der Fechter sieht, müssen dieselben sein wie im Wettkampf.
→ Check: Wenn Du nur auf ein Klatsch-Kommando reagierst, ist es Gymnastik. Wenn Du auf das Zucken der gegnerischen Schulter reagierst, ist es Fechten. -
Stochastik & Variabilität (Noise):
Die Umgebung darf niemals statisch sein. Es muss immer ein gewisses „Rauschen“ geben.
→ Check: Kannst Du die Übung im „Schlafmodus“ abspulen? Wenn ja, ist sie tot. Sie braucht mehr Chaos. -
Unmittelbare Konsequenz (Coupled Feedback):
Handlung und Ergebnis müssen direkt gekoppelt sein. Ein Fehler muss sofort wehtun (Treffer kassiert). Ein Erfolg muss echt sein (Lampe an).
→ Check: Muss der Trainer sagen, ob es gut war? Wenn ja, ist das Design schlecht. Der Fechter muss es am Ergebnis spüren. -
Lösungsraum statt Lösungsweg (Solution Space):
Die Umgebung gibt das Ziel vor (das „Was“), lässt aber den Weg offen (das „Wie“).
→ Check: Dürfen zwei Fechter die Aufgabe unterschiedlich lösen (einer mit Flèche, einer mit Ausfall) und beide erfolgreich sein? Wenn nein, ist es Dressur. -
Die Sweet-Spot-Fehlerrate (Optimal Challenge Point): Hier scheiden sich die Geister der alten und neuen Schule. Früher galt: „Bringe den Athleten dazu, Fehler zu vermeiden.“ Heute gilt: „Bringe den Athleten dazu, Fehler zu begehen!“
→ Die Regel: Eine Fehlerquote von ca. 50% ist ideal. Wenn der Athlet 9 von 10 Mal trifft, lernt er nichts mehr. Die Aufgabe ist zu leicht.
→ Coach-Aufgabe: Korrigiere nie. Eine unerwartete Lösung ist eine Lösung. Ein Fehler ist ein Lernraum.
→ Coach-Aufgabe: Verschärfe die Constraints! Wenn die Fehlerrate sinkt, mach die Bahn kürzer, das Ziel kleiner oder den Gegner schneller. Zwinge das System zurück in den Modus der Instabilität, wo es suchen und lernen muss.
Die Werkzeuge: Wer liefert Was
Schauen wir uns an, wie unsere bevorzugten Methoden diese Anforderungen erfüllen – und wie sie Fehler produktiv nutzen.
-
Constraints-Led Approach (CLA): Gibt Dir eine Vorstellung in die Hand, welche Arten von Constraints Du nutzen kannst, um ein Verhalten zu provozieren, Außerdem gibt er Ziele vor, auf die eine Lernwelt abzielen kann: Schnelligkeit? Präzision? Verletzungsprävention?
-
Differential Learning (DL): Bietet für jede Bewegung eine Vielzahl an Varianten an, die die Athleten ausprobieren. Hilft auch dann weiter, wenn Athleten zunächst zu wenig kreativ bei der Lösungsfindung sind, oder wenn sie in lokalen Attraktoren gefangen sind.
-
Small-Sided Games (SSG): Spiele lügen nicht. Sie liefern die Unmittelbare Konsequenz.
Was fordert die DST, wie eine Lernumgebung zu gestalten ist? Was fordert die DST, wie ich mich als Coach zu verhalten habe?
Zusammenfassung: Der neue Job des Coaches
hr Job im Training ist es, die Athleten an die Grenze ihrer Kompetenz zu führen – dorthin, wo sie scheitern.
-
Ist die Quote bei 100% Erfolg? Langweilig. Verschärfen!
-
Ist die Quote bei 10% Erfolg? Frustrierend. Vereinfachen!
-
Ist die Quote bei 50%? Perfekt. Hier glühen die Synapsen. Hier findet Lernen statt.
Kommuniziere das laut und deutlich:
-
„Ich will sehen, dass ihr Dinge ausprobiert, egal ob sie schiefgehen!"
-
„Wenn ihr nie getroffen werdet, habt ihr nicht genug riskiert!“
Wer im Training keine Fehler macht, hat trainiert, wie man sicher verliert. Wer im Training scheitert, lernt, wie man im Wettkampf siegt.
Einschub: Warum Korrektur den Athleten schwächt
Wir müssen über die dunkle Seite der gut gemeinten Korrektur sprechen. Wenn Sie (lieber Coach) rufen: "Nicht so! Der Arm muss höher!", dann wollen Sie helfen. Aber im Gehirn Ihres Athleten passiert etwas ganz anderes.
Die Forschung von (Beilock, 2010) zeigt eindrücklich: Externe Bewertung und Korrektur lösen im Gehirn eine Stressreaktion aus. Der Fokus verschiebt sich weg von der Aufgabe (dem Treffen) hin zum Selbst (dem "Nicht-Versagen-Wollen").
-
Die Folge für das Lernen: Das Arbeitsgedächtnis wird mit "Sorgen" geflutet. Die Lernrate sinkt, weil die Kapazität für die eigentliche motorische Anpassung fehlt.
-
Die Folge für die Physis: Es wird noch schlimmer. Beilock wies nach, dass dieser soziale Stress sogar das Maximalkraftniveau und die Präzision deutlich reduziert. Ein korrigierter Athlet ist physisch schwächer als ein Athlet, der im "Flow" des Ausprobierens ist. Wer ständig korrigiert, trainiert seine Fechter also wortwörtlich schwach.
Wir gehen davon aus, dass der Lernende durch unser Variations-Buffet (Differential Learning) genügend Angebote bekommt, um die für ihn optimale Bewegung selbst zu finden. Wir vertrauen darauf, dass das System die ineffizienten Lösungen (die, die nicht treffen) von selbst aussortiert, ohne dass wir verbal dazwischen grätschen müssen.
Der Kern-Prozess: Constraints-Led Approach (CLA)
-
Die drei Constraints: Organism (Athlet), Environment (Umwelt), Task (Aufgabe)
-
Wie wir durch Manipulation der Constraints Lösungen provozieren - Welche Constraint-Gruppen es gibt - Druckbedingungen aus dem Agilitätstraining, …
-
Der Coach als „Environment Architect“ statt als Instruktor - Erweiterung Athlet als Architect - Partnerübungen - Aufgaben
Die Trainings-Praxis: Representative Learning Design (RLD)
-
Warum Training wie Wettkampf aussehen muss (und wann es das nicht tut).
-
Information und Affordances: Die „Einladungen“ des Gegners lesen lernen - wie wir die Situationen schaffen - wie wir damit umgehen, keine "passenden" Trainingspartner zu haben
-
Simplification by Constraints: Wie man vereinfacht, ohne zu zerlegen (vs. Decomposition).
Die Turbo-Lernmethode: Differential Learning (DL)
-
Das Rauschen nutzen: Warum Schwankungen gut sind (Repetition without Repetition).
-
Praktische Anwendung: Variabilität in Beinarbeit und Klingenführung.
-
Praktische Anwendung: Einbindung von Taktik durch DL
-
Gezielte Destabilisierung des Systems für schnellere Adaption.
Das Spiel als Lehrer: Small-Sided Games (SSG) & Game-Based Approach
-
Was gute Spiele ausmacht
-
Wie man gute Spiele findet, testet und weiter entwickelt
-
Technische/Taktische Intelligenz durch Spielformen entwickeln.
-
Beispiele für fechtspezifische SSGs (z.B. „Stehl die Socke“, Zonen-Spiele).